Lexikalisches Stichwort Gewaltfreie Aktion

Gespeichert von Christian Büttner am Mi., 17.03.2021 - 21:34

Theodor Ebert

1. Definition — 2. Methoden — 3. Historischer Hintergrund und Strategie — 4. Gewaltfreie Verteidigung — 5. Literatur

1. Definition

Die gewaltfreie (direkte) Aktion ist eine kämpferische Methode, Konflikte auszutragen. Angewandt wird sie in Situationen, in denen es nicht möglich zu sein scheint, auf dem Wege der Verhandlungen, der Wahlen und Abstimmungen einen Konsensus über die soziale Gerechtigkeit und die dafür erforderlichen sozialen Wandlungen herzustellen. Die gewaltfreie Aktion hat das Ziel, in ihrem Verlauf die psychischen und sozialen Bedingungen zu schaffen, unter denen dann doch über Verhandlungen und demokratische Abstimmungen die sozialen Verhältnisse gerecht geregelt werden können. Die gewaltfreie Aktion wird eingesetzt in Konkurrenz zu gewaltsamen Methoden, von denen sie sich äußerlich dadurch unterscheidet, daß die Träger der gewaltfreien Aktion weder Personen festhalten oder verletzen, noch Sachen, die nicht legal ihr persönliches Eigentum sind, zerstören, noch' die Ausübung unmittelbar lebenswichtiger Dienstleistungen oder die Herstellung und Verteilung lebensnotwendiger Güter verhindern. Die Ablehnung von Sachbeschädigungen ist in gewaltfreien Kampagnen weniger streng als die Ablehnung der Verletzung von Personen, da Sachschäden sich häufig wieder gut machen lassen und durch sie nicht immer schwer revidierbare Feindbilder aufgebaut werden. Sachbeschädigungen sind spätestens dann nicht mehr mit einer gewaltfreien Grundhaltung zu vereinbaren, wenn in ihrem Verlauf Personen verletzt werden können. Sie sollten in all den Fällen vermieden werden, in denen der emanzipatorische Charakter der Zerstörung einer breiten Öffentlichkeit nicht unmittelbar einsichtig ist. Diese beiden Beschränkungen für Sachbeschädigungen im Rahmen gewaltfreier Kampagnen haben praktisch zur Folge, daß „Gewalt gegen Sachen" sorgfältig vermieden wird. Bei Go-ins sind aber zuweilen begrenzte Sachbeschädigungen — wie die gewaltsame Öffnung einer Tür oder das Eindrücken einer Glasscheibe — unausweichlich. Streng gewaltfreie Gruppen indischer Satyagrahis und gewaltfreie indische Atomwaffengegner haben in aller Öffentlichkeit Stacheldrahtzäune — gewissermaßen Symbole des gegnerischen Systems — niedergerissen. Dies waren aber nicht spontane und anonyme Zerstörungen einer Menge, sondern sorgfältig geplante Handlungen ausgewählter und verantwortlicher Gruppen. In ihrer geistigen Grundhaltung unterscheidet sich die gewaltfreie Aktion von den Methoden der gewaltsamen Konfliktaustragung dadurch, daß man seinem Kontrahenten ohne persönlichen Haß begegnet und ihm auch nicht unbedingt den eigenen Willen aufzuzwingen, wohl aber klarzumachen versucht, daß man die eigene Position als in Gewissen und Vernunft begründet betrachtet und nur Argumenten, nicht aber Gewalt weichen werde. Diese Haltung gegenüber Einzelpersonen und Gruppen hat Gandhi als „Satyagraha" (Festhalten an der Wahrheit) bezeichnet und darin das indische Synonym für das englische „nonviolent resistance" gesehen. In der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung hat die gewaltfreie Aktion dann über das bei Gandhi noch mehr defensiv verstandene „Festhalten an der Wahrheit" in der Form der „direkten Aktion" die Funktion von offensiver Darstellung sozialer Mißstände und sozialer Forderungen angenommen.

2. Methoden

Die Kampftechniken der gewaltfreien Aktion lassen sich nach dem Grad ihres direkten Eingriffs in soziale Bezüge gliedern.

Protestdemonstrationen in der Form von öffentlichen Versammlungen, Umzügen, Mahnwachen, den Konflikt darstellenden Happenings oder Hungerstreiks führen selbst nicht unmittelbar soziale Veränderungen herbei, sondern wollen „eine Streitfrage so dramatisieren, daß sie nicht länger ignoriert werden kann" (M. L. King) und gleichzeitig eine konstruktive Alternative zum angegriffenen Zustand aufzeigen.

Dagegen suchen die Methoden der legalen Nichtzusammenarbeit und der legalen Rolleninnovation in das bestehende soziale System durch Maßnahmen der Verweigerung und der Rollenschöpfung so einzugreifen, daß zwar das bekämpfte soziale System in seinem Funktionieren stark beeinträchtigt wird, die Toleranzgrenze der Legalität aber nicht überschritten wird. Als Kampfmaßnahmen kommen hier die Ablehnung und Verweigerung von Ehrungen, soziale und wirtschaftliche Boykottmaßnahmen, die Ablehnung von Stellenangeboten und die Arbeitsniederlegung, im äußersten Falle sogar die zeitweilige Auswanderung in Frage. Diese Kampfmaßnahmen können in ein soziales auf zurückzuführen, daß die gewaltfreien Aktiven in der von Herbert Marcuse kritisierten „repressiven Toleranz“ nicht unbedingt eine Infamie, sondern einen taktischen Vorteil erblicken, darum den vorhandenen Toleranzspielraum maximal zu nutzen suchen und in der provokativen Regelverletzung nicht eo ipso schon eine revolutionäre Tat sehen. Das Spektrum der gewaltfreien Aktion bezieht aber auch den Bereich der Illegalität ein. Der zivile Ungehorsam unterscheidet sich jedoch von der provokatorischen Regelverletzung dadurch, daß er sorgfältig durch ein übergeordnetes positives Recht oder durch die Berufung auf das Naturrecht und die Freiheit des Gewissens legitimiert wird. „Zivil“ ist der Ungehorsam dann, wenn er — wie Gandhi im Februar 1922 nach mißlichen Erfahrungen definierte — „höflich, wahrheitsliebend, bescheiden, klug, hartnäckig, doch wohlwollend, nie verbrecherisch und haßerfüllt" erfolgt. Bemerkenswertester Unterschied des zivilen Ungehorsams zur provokatorischen, potentiell gewaltsamen Regelverletzung ist, daß sich die zivilen Ungehorsam Leistenden den Sanktionen ihrer Gegner auf keinen Fall gewaltsam’ widersetzen und sich ihnen — in der Regel — auch nicht durch Täuschung zu entziehen suchen.

Gewaltsame Kampftechniken, Notwehr und Täuschung werden abgelehnt, weil sie bei den Trägern der Aktion, ihren Gegnern und den Beobachtern unerwünschte Reaktionen auslösen. Die von Frantz Fanon behauptete emanzipatorische Wirkung der Gewaltanwendung wird bestritten, da systematische Gewaltanwendung eine Befreiungsorganisation zu hierarchischen Strukturen, zur Untergrundarbeit und zur Einübung in ein immer waches Mißtrauen zwingt — und so nach dem Abschluß der Kampfhandlungen diktatorische und nicht demokratische Strukturen vorhanden sind. Gewaltanwendung wird ferner abgelehnt, weil sie bei einem mächtigen Gegner in der Regel zur Eskalation der gegenseitigen Gewaltanwendung und zur extremen Steigerung der Opfer führt. In einem gewaltfreien Verhalten wird keine Garantie für einen Repressionsverzicht des Gegners gesehen; man rechnet jedoch damit, daß aufs Ganze gesehen die Opfer eines Befreiungskampfes geringer sind, wenn selbst auf extrem gewaltsame Repression immer gewaltfrei geantwortet und so dem Gegner keine zusätzliche Legitimation für seine Unterdrückungsmaßnahmen geboten wird. (Der indische Unabhängigkeitskampf mit gewaltfreien Methoden kostete — einschließlich der englischen Reaktion auf vereinzelte indische Gewaltakte — etwa 8000 Menschenleben; der algerische Unabhängigkeitskrieg im Anschluß an die blutige Unterdrückung einer gewaltlosen Demonstration in Setif im Mai 1945 kostete etwa 150 000 bis 200 000 Menschenleben, bei einer etwa dreißigmal kleineren Gesamtbevölkerung.) Schließlich werden Gewaltmethoden abgelehnt, weil man in den Gegnern nicht beati possedentes, sondern unfreie, sich selbst entfremdete Menschen sieht. Das gewaltfreie Verhalten soll hier die übergreifende Solidarität mit dem Gegner als Menschen zum Ausdruck bringen. Die Überzeugungskraft einer gewaltfreien Aktion hängt jedoch nicht allein von der Opferbereitschaft ihrer Träger, sondern auch davon ab, daß die von ihnen angebotene Alternative zu dem bestehenden ungerechten System aller Wahrscheinlichkeit nach auch den angegebenen Zwecken dient. Zum Experimentieren mit den angebotenen neuen Strukturen können die Angegriffenen meist aber auch erst dann gebracht werden, wenn durch gewaltfreie Aktionen das bestehende System am Funktionieren gehindert und das neue System durch Rolleninnovation und Rollenusurpation teilweise schon praktiziert wird.

Bei gewaltfreien Aktionen muß während der ganzen Kampagne mit Repressionsmaßnahmen und der Organisation einer faschistoiden Gegenbewegung (backlash) gerechnet werden. Die Verhinderung oder Hemmung ist eine wichtige strategische Aufgabe. Gewaltfreie Kampagnen suchen im Unterschied zu Guerillakriegen eine Polarisierung gesellschaftlicher Gruppen zu vermeiden und eine immer breitere Gruppe von Mitläufern und Sympathisanten zu gewinnen.

4. Gewaltfreie Verteidigung

Die Möglichkeit, Demokratien mit gewaltfreien Methoden gegen Konterrevolutionen, Staatsstreiche und Aggressionen zu verteidigen, wurde zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg erstmals erörtert, seit Ende des Zweiten Weltkrieges zu der Konzeption der „Sozialen Verteidigung" (Civilian Defence) entwickelt. Nach dieser Konzeption sollen nicht länger Grenzen und Territorien von Soldaten mit Waffengewalt verteidigt, sondern sollen soziale Institutionen von Zivilisten mit gewaltfreien Kampftechniken — vor allem der Nichtzusammenarbeit und der Protestdemonstration — vor der Kontrolle durch aggressive Mächte bewahrt werden. Das Konzept der „Sozialen Verteidigung" entstand, indem pazifistische Sozialwissenschaftler und von der Waffenentwicklung provozierte Strategieforscher spontane Erfahrungen mit dem zivilen Widerstand gegen den Kapp-Putsch von 1920 und die Ruhrbesetzung von 1923 und gegen die deutsche Besatzungsmacht in Dänemark und Norwegen im Zweiten Weltkrieg zu einem selbständigen Verteidigungskonzept entwickelten. Die Ergebnisse dieser Forschungen haben im August 1968 durch den gewaltlosen Widerstand der Tschechoslowaken gegen die Aktion der 5 Warschauer Pakt-Staaten breiteres Aufsehen erregt, und die „soziale Verteidigung" ist als Ergänzung und Alternative zur militärischen Verteidigung ein Gegenstand der Friedens- und Konfliktforschung und der öffentlichen Diskussion in den demokratischen Mitgliedstaaten der NATO und einigen neutralen Staaten geworden. In Österreich, wo der Staatsvertrag über die Neutralität moderne Raketenwaffen verbietet und wo darum der Nutzen der konventionellen Verteidigungsanstrengungen besonders stark bezweifelt wird, hat die Konzeption der Sozialen Verteidigung auch in den etablierten Parteien schon Resonanz gefunden.

Die soziale Verteidigung ist als eine Synthese der gradualistischen und der unilateralen Abrüstung einerseits und der Abschreckungsstrategie andererseits begriffen worden. Vom Gradualismus übernimmt sie den Gedanken des schrittweisen Vorgehens. Die Umrüstung auf soziale Verteidigung soll nicht bei den Supermächten, sondern bei den neutralen Staaten und den Randstaaten der Militärblöcke beginnen. Sie hat jedoch nicht zur Bedingung, daß die bisherigen militärischen Gegner durch Abrüstungs- und Entspannungspolitik den Umrüstungsvorgang honorieren; insofern handelt es sich um eine unilaterale Konzeption. Von den herkömmlichen unilateralen Abrüstungskonzeptionen eines primär moralisch begründeten Pazifismus unterscheidet sie sich jedoch dadurch, daß sie kein Machtvakuum entstehen lassen will und militärische Macht durch die zivile Macht der widerstandsbereiten Bevölkerung ersetzt. Durch diese demonstrative Widerstandsbereitschaft soll dem potentiellen Aggressor klargemacht werden, daß die Kosten eines Angriffes für ihn weit größer sein werden als ein möglicher Gewinn. Durch eine vollständige Umrüstung auf soziale Verteidigung verwandelt sich die potentiell aggressive, militärische Abschreckungsstrategie in eine unmißverständlich defensive Warnungsstrategie, welche die Voraussetzungen für eine friedliche Koexistenz schafft.

5. Literatur

Bibliographie (mit besonderer Berücksichtigung von Fallstudien):

A. CARTER et al., Non-violent Action. Theory and Practice. A Selected Bibliography, London 1966 (nur englischsprachige Literatur).

Sammlungen historischer Texte zur Theorie und Praxis:

S. LYND, ed., Nonviolence in America. A Documentary History, Indianapolis 1966;

P. MAYER, ed., The Pacifist Conscience, London 1966;

M. SIBLEY, ed., The Quiet Battle. Writings on the Theory and Practice of Non-Violent Resistance, New York 1963;

A. and L. WEINBERG, eds., Jnslead of Violence. Writings by the Great Advocats of Peace and Nonviolence through History, Bosten 1963.

Wissenschaftliche Literatur:

J. BONDURANT, Conquest of Violence. The Gandhian Philosophy of Conflict, Princeton 1958;

Civilian Defence. Gewaltloser Widerstand als Form der Verteidigungspolitik (Tagungsbericht), Gütersloh 1969;

Th. EBERT, Gewaltfreier Aufstand. Alternative zum Bürgerkrieg, Freiburg 1968;

Th. EBERT u. H.-J. Benedict, Hg., Macht von unten. Bürgerrechtsbewegung, außerparlamentarische Opposition und Kirchenreform, Hamburg 1968;

H. GOSS-MAYR, Die Macht der Gewaltlosen. Der Christ und die Revolution am Beispiel Brasiliens, Graz 1968;

J. u. H. GOSS-MAYR, Hg., Revolution ohne Gewalt. Christen aus Ost und West im Gespräch (Tagungsbericht), Wien 1968;

R. B. GREGG, Die Macht der Gewaltlosigkeit, Bellnhausen 1965;

T. K. MAHADEVAN et al., eds., Civilian Defence, An Introduction, Ahmedabad 1967;

W. R. MILLER, Nonviolence. A Christian Interpretation, New York 1964;

A. ROBERTS, ed., Civilian Resistance as a National Defence, London 1969;

G. SHARP, The Politics of Nonviolent Action,